Skandinavien gilt oft als Vorbild in vielen Bereichen: Bildung, Arbeitskultur, Umweltbewusstsein und Lebensqualität. Doch was steckt wirklich dahinter? Mein Aufenthalt in Schweden und Reisen zu anderen Städten und Nachbarländern hat mir die Möglichkeit gegeben, das Land aus nächster Nähe zu erleben – an der Universität, bei Reisen, im Alltag und teils auch in der Arbeitswelt. Während meiner Zeit dort habe ich nicht nur neue Lernmethoden kennengelernt, sondern auch eine andere Mentalität und Lebensweise erfahren. In diesem Beitrag möchte ich meine persönlichen Eindrücke von meinem Auslandssemester an der Chalmers University of Technology teilen und sie mit meinen bisherigen Erfahrungen aus Österreich vergleichen.
Lehrveranstaltungen und Uni-Alltag
Das Studiensystem in Schweden unterscheidet sich stark von dem in Österreich. Während ich es gewohnt war, mehrere Kurse parallel über das gesamte Semester hinweg zu absolvieren, fand ich es hier erfrischend, dass die Lehrveranstaltungen oft geblockt angeboten wurden und das Semester selbst noch einmal in zwei Blöcke unterteilt wird. Überschneidungen werden mit Hilfe klarer Zeitblöcke innerhalb der Woche schlichtweg vermieden. Dadurch konnte ich mich intensiver mit den Inhalten beschäftigen und hatte das Gefühl, viel fokussierter zu lernen.
Die Kurse selbst waren, zumindest für mich, umfangreicher als gewohnt. Mit jeweils 7,5 ECTS pro Kurs war somit der Semester-Workload bereits mit 2 Kursen je Halbsemesterblock erreicht. Besonders beeindruckt hat mich der hohe Stellenwert von Gruppenarbeiten und Seminaren. Während man in Österreich oft Einzelkämpfer ist, wird in Schweden viel Wert auf Teamarbeit gelegt. Ich musste mich regelmäßig mit meinen Kommiliton:innen zusammensetzen, gemeinsam Lösungen erarbeiten und unsere Ergebnisse präsentieren. Dadurch habe ich nicht nur fachlich viel gelernt, sondern auch wertvolle soziale und kommunikative Kompetenzen weiterentwickelt, das vor Allem als Austauschstudierender sehr wichtig ist.
Auffällig für mich war auch ein stark wissenschaftlicher Ansatz in diversen Kursen. Ein fester Bestandteil einer Uni-Woche war hier das Lesen mehrerer wissenschaftlicher Artikel und Paper zum gerade passenden Thema der Vorlesung. Jeder Studierende wird mir hier wohl zustimmen, dass dies nicht zu den Lieblingsaufgaben gehört. Im Nachhinein jedoch finde ich kann diese Art der „Zusatzliteratur“ sehr hilfreich für eigene Arbeiten und das Verständnis der „wissenschaftlichen Sprache“ sein.
Flache Hierarchien auf der Uni und im Arbeitsleben
Ein Aspekt, der mir besonders gefallen hat, war die flache Hierarchie an der Universität. In Österreich ist es üblich, Professor:innen mit „Herr/Frau Professor“ anzusprechen und eine gewisse Distanz zu wahren. In Schweden hingegen sind Titel zweitrangig – hier spricht man sich einfach mit dem Vornamen an. Das schaffte eine entspannte Atmosphäre und machte es leichter, Fragen zu stellen oder Themen zu diskutieren.
Diese Direktheit zieht sich auch durch das Arbeitsleben. Speziell eine Situation ist mir hier noch gut in Erinnerung. Mein Versuch, den Produktionsleiter eines Unternehmens für eine Exkursion zu kontaktieren, wurde abrupt von einer Kommilitonin unterbrochen. Meine (typisch österreichischen) Formulierungen seien hier „viel zu hochgestochen“ und „unnötig“ meinte diese und werden vielleicht von den Industriepartnern nicht ernst genommen, oder gar als „Spam“ wahrgenommen.
Mails und Meetings sind kurz, effizient und lange Umschweife gibt es kaum – stattdessen wird direkt zum Punkt gekommen. Anfangs empfand ich diese Ehrlichkeit als ungewohnt, doch mit der Zeit lernte ich sie zu schätzen und finde auch, dass wir uns hier in Österreich ruhig eine Scheibe abschneiden könnten.
Schwedische Mentalität
Während meines Aufenthalts fiel mir schnell auf, dass die Schwedinnen und Schweden oft etwas kühl und distanziert wirken. Small Talk gibt es hier kaum, und es dauert eine Weile, bis man persönlichen Kontakt aufbaut. Wie ich es bereits erwartet hatte war es leichter für mich engere Kontakte mit Internationalen aufzubauen, jedoch sobald das Eis gebrochen ist, sind auch die Schwedinnen und Schweden sehr freundlich und gesellig.
Wenn es eine Sache gibt, die Menschen aus Skandinavien mögen und beherrschen, dann ist es das Schlange stehen. Aufgrund ihrer sehr korrekten und strukturierten Art ist es einer der größten Fauxpas, hier eine unordentliche Schlange zu bilden oder – Gott bewahre – sich sogar vorzudrängen.
„Sorry, no English“, ist ein Satz den man in Skandinavien wohl fast nie zu hören bekommt. Egal ob 80, 8 Jahre alt oder auch aus jeder Einkommensschicht – man kann sich mit allen mehr oder weniger problemlos unterhalten, was den Alltag für internationale Studierende enorm erleichtert. Hier merkt man einen klaren Fortschritt gegenüber Österreich. Gründe dafür sind sicherlich das Bildungssystem und ein anderer Umgang mit Englisch im Alltag, aber es spielt wohl auch der relative niedrige Grad an Synchronisation in den Medien eine Rolle.
Zu weiteren typisch schwedischen Traditionen gehört zum Beispiel auch die ausgeprägte Saunakultur oder die berühmte „Fika“. Letztere ist mehr als nur eine Kaffeepause – sie ist eine feste soziale Institution, bei der man sich Zeit nimmt, mit Freund*innen oder Kolleg*innen zu entspannen und sich auszutauschen. Diese bewusste Auszeit vom Alltag habe ich sehr genossen und werde sie definitiv in meinen eigenen Alltag integrieren.
Städte und Infrastruktur
Skandinaviens und vor allem Schwedens Städte haben mich auf vielen Ebenen beeindruckt. Die Sauberkeit ist auf einem extrem hohen Niveau, Müll liegt kaum herum, es gibt nahezu keine Obdachlosen und auch öffentliche Verkehrsmittel sind in einem tadellosen Zustand. Hier muss ich ehrlich gesagt sagen, dass ich auf dem Heimweg über Hamburg ein bisschen geschockt war vom Kontrast zu skandinavischen Städten.
Besonders beeindruckend fand ich die Elektrifizierung des Verkehrs und der dazugehörigen Infrastruktur. Während in Österreich noch viele Dieselbusse unterwegs sind, setzen schwedische Städte längst auf Elektrobusse und ein gut ausgebautes Netz an Ladestationen für Elektroautos.
Die Wohnungssuche hingegen stellte sich als große Herausforderung heraus. Vor allem in Städten wie Stockholm oder Göteborg sind bezahlbare Wohnungen rar, und der Wohnungsmarkt ist stark umkämpft. Wer hier eine Bleibe finden will, braucht entweder viel Geld, Geduld oder gute Kontakte.
Neben der modernen Infrastruktur ist Schweden auch als Industrieland führend. Namen wie Volvo, Ericsson und IKEA sind weltweit bekannt und prägen die Wirtschaft des Landes. Vor allem auch Volvo war ein großer Bestandteil unseres Uni-Alltags, da Göteborg einer der Hauptproduktionsstandorte der Volvo Group und Volvo Cars ist.
Also? Sind sie uns voraus?
Trotz der dunklen kalten Winter und der zurückhaltenden Art der Menschen habe ich Schweden als unglaublich lebenswert empfunden. Am Ende meines Aufenthalts fühlte sich Schweden nicht mehr fremd an, sondern fast ein bisschen wie ein zweites Zuhause.
In vielen Bereichen – ob Bildung, Nachhaltigkeit oder Arbeitskultur – gibt es definitiv Aspekte, die als Vorbild für andere Länder dienen können. Doch am Ende kommt es darauf an, welche Werte und Strukturen für eine Gesellschaft am besten funktionieren. Für mich persönlich war das Semester in Schweden eine bereichernde Erfahrung, die meinen Blick auf viele Dinge verändert hat. Ich nehme viele wertvolle Erkenntnisse mit nach Hause – und vielleicht auch ein bisschen die schwedische Gelassenheit.
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