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Warum geschlechterspezifische Ungleichheiten in der Wissenschaft fortbestehen

25.02.2025 | TU Graz news | Forschung | Planet research | FoE Information, Communication & Computing

Von Philipp Jarke

Am Beispiel der Physik hat Fariba Karimi analysiert, welche Faktoren dazu beitragen, dass männliche Forscher in der Wissenschaft nach wie vor eine dominierende Rolle spielen.

Fariba Karimi vom Institute of Human-Centred Computing der TU Graz. Wolf - TU Graz

Mithilfe von Netzwerkanalysen hat Fariba Karimi vom Institute of Human-Centred Computing untersucht, warum im Wissenschaftssystem Ungleichheiten trotz gleicher Qualifikation und Forschungsqualität fortbestehen, was sich unter anderem in geringeren Zitationen und Veröffentlichungen von Frauen widerspiegelt. In Zusammenarbeit mit Jun Sun vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln veröffentlichte sie eine Studie in Communications Physics, für die sie 668.000 Publikationen aus Zeitschriften der American Physical Society (APS) zwischen 1893 und 2020 sowie 8,5 Millionen zugehörige Zitate analysierte. Obwohl der Anteil der Autorinnen im Laufe der Zeit gestiegen ist, sind sie in absoluten Zahlen weiter ins Hintertreffen geraten.

Karimi und Sun haben zwei wichtige strukturelle Faktoren ermittelt, die diesen Trend beeinflussen:
Erstens die Homophilie, d. h. die Tendenz, bevorzugt mit Personen zusammenzuarbeiten, die ähnliche Merkmale aufweisen wie man selbst. In der Physik, wie in vielen anderen Bereichen auch, spiegeln die etablierten beruflichen Netzwerke tendenziell die historische Demografie wider, was unbeabsichtigt die Möglichkeiten unterrepräsentierter Gruppen einschränken kann.
Zweitens, der Vorteil etablierter Netzwerke: Forscher mit gut entwickelten beruflichen Verbindungen, die sich oft bereits in einflussreichen Positionen befinden, haben größeren Zugang zu Kooperationspartnern, finanzieller Unterstützung, Sichtbarkeit und Einfluss bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Diese Mechanismen können die Ungleichheiten im Laufe der Zeit verstärken.

„Unsere Modelle zeigen, dass Quoten allein nicht zu einem dauerhaften Wandel führen, solange Einzelne nicht umfassend in berufliche Netzwerke eingebunden werden.“

„Komplexe Systeme wie die Wissenschaft sind teilweise pfadabhängig, was bedeutet, dass kleine anfängliche Unterschiede langfristig bedeutende Folgen haben können“, sagt Karimi. „Rückkopplungsschleifen über Generationen hinweg, bei denen bestimmte Gruppen über mehr Ressourcen verfügen, tragen zu strukturellen Ungleichheiten bei, die Barrieren für andere schaffen.“

Um diese Ungleichheiten abzubilden, entwickelten Karimi und Sun ein dynamisches Netzwerkmodell, das den realen Daten der APS-Publikations-, Zitations- und Kooperationsnetzwerke sehr nahe kommt.

Wie können aber strukturelle Barrieren in der akademischen Welt - von denen Frauen und andere historisch unterrepräsentierte Gruppen betroffen sind - abgebaut werden? Karimi schlägt vor, dass Universitäten und Forschungseinrichtungen stärkere Anreize für die Förderung vielfältiger Teams schaffen. Dazu könnten finanzielle Unterstützung und Maßnahmen wie Einstellungsziele, Dual-Career-Pläne und Unterstützung bei der Kinderbetreuung gehören. Die Auszeichnung erfolgreicher gemischter Forschungsteams als Vorbilder kann ebenfalls eine wirksame Strategie sein.

Karimi betont jedoch, dass Richtlinienänderungen nicht ausreichen: „Unsere Modelle zeigen, dass Quoten allein nicht zu einem dauerhaften Wandel führen, solange Einzelne nicht umfassend in berufliche Netzwerke eingebunden werden.“ Über die institutionelle Politik hinaus spielen leitende Forscher und diejenigen, die in Berufungskommissionen sitzen, eine entscheidende Rolle dabei, sicherzustellen, dass akademische Netzwerke offen und für alle zugänglich sind.

Dieses Text ist Teil des TU Graz Dossiers „Frauen forschen“. Weitere Dossiers finden Sie unter www.tugraz.at/go/dossiers.

Information

Publikation: Emergence of group size disparity in growing networks with Adoption
Autoren: Jun Sun und Fariba Karimi
In: Communications Physics, 2024, 7:309
DOI: https://doi.org/10.1038/s42005-024-01799-z

Kontakt

Fariba KARIMI
Univ.-Prof. M.Sc. Ph.D.
TU Graz | Institute of Human-Centred Computing
Tel.: +43 316 873 30682
kariminoSpam@tugraz.at