Ihr seid beide im selben Fach tätig, aber an unterschiedlichen Punkten in eurer Karriere. Was hat euch beide in die Physik gebracht?
Birgitta Schultze-Bernhardt: Für mich war schon in der Schule klar, dass ich Physik studieren will. Die wissenschaftliche Karriere hat sich ergeben. Seit 2019 bin ich an der TU Graz und habe meinen Lehrstuhl seit 2022. Mit meiner Arbeitsgruppe forsche ich an einer Spektroskopiemethode, die sehr abstrakt klingt. Aber wir entwickeln sie gerade für alltagsrelevante Fragestellungen weiter – etwa, damit wir die Luftgüte in Graz genauer charakterisieren können.
Anna Karner: Für mich war auch bereits in der Schule klar, dass ich ein technisches Fach studieren will. Ich habe die HTL für Bau- und Umwelttechnik besucht und Mathematik geliebt. An der TU Graz habe ich Bauingenieurwesen und Physik studiert und abgeschlossen. Danach habe ich in der Privatwirtschaft gearbeitet, konnte dort aber mein Wissen aus dem Studium nicht genug anwenden. Deshalb bin ich zurück an die TU Graz gewechselt und mache nun mein Doktorat in der Experimentalphysik. Ich arbeite im Bereich Optik und wir entwickeln optische Bauteile für extrem ultraviolettes Licht.
Möchtest du in der universitären Forschung bleiben?
Karner: Es wäre sicher eine Option. Aber ich bin Mutter und würde deshalb gerne in Österreich bleiben, wo auch mein Partner lebt und arbeitet. Für eine Habilitation ist es aber fast Pflicht, an einer anderen Universität und im Ausland zu arbeiten. Das ist heute nicht mehr so einfach wie zu der Zeit ohne Kind.
Wie hast du das gemacht Birgitta?
Schultze-Bernhardt: Ich bin Mutter von drei Kindern, die alle in unterschiedlichen Ländern auf die Welt gekommen sind. In der Wissenschaft ist man sehr flexibel was die Zeiteinteilung betrifft und es ist hilfreich, wenn der Partner das auch ist. Ich kenne viele Paare mit Kindern, bei denen beide in der Wissenschaft tätig sind. Da kann man sich gut abwechseln, wenn der Alltag ähnlich flexibel gestaltbar ist. Die TU Graz ist da sehr fortschrittlich und dynamisch, was die Vereinbarkeit betrifft. Die Kinderbetreuung ist aber sicher ein großes Thema.
Karner: Die TU Graz tut diesbezüglich mit der nanoversity schon sehr viel. Aber wenn ich ins Ausland gehe, müsste das dort natürlich auch gegeben sein.
Schultze-Bernhardt: Heute wird auch bei Konferenzen manchmal Kinderbetreuung angeboten. Vor 10 Jahren durfte ich das Gelände noch nicht mal betreten, weil ich mein Kind mitgenommen habe, als es nicht anders ging. Da hat sich viel geändert zum Glück.
Hast du die wissenschaftliche Karriere von deinen weiblichen Kolleginnen und deinen männlichen Kollegen sehr unterschiedlich wahrgenommen?
Schultze-Bernhardt: Als Frau muss man sehr viel unter einen Hut bringen. Ich finde es beeindruckend, dass Anna als Mutter ihre Doktorarbeit macht. Das hätte ich mir nicht vorstellen können. Aber meine männlichen Kollegen sind während dieser Zeit alle Väter geworden, wir wenigen Frauen haben damals keine Kinder bekommen. Es ist sicher noch in unseren Köpfen, dass in erster Linie die Frau vor allem für sehr kleine Kinder zuständig ist. Das hat natürlich auch biologische Gründe, weil der Vater viele Dinge einfach nicht übernehmen kann.
Sind längere Abwesenheiten wie eine Karenz ein Problem in der Wissenschaft?
Schultze-Bernhardt: Bleibt man länger als ein halbes Jahr weg, dann ist es sehr anstrengend, alles aufzuholen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich habe nie mehr als ein halbes Jahr nicht geforscht. Auch, weil mir die Forschung genauso viel Spaß macht, wie eine Familie zu haben. Da wollte ich gar nicht so lange wegbleiben. Gerade nach der Geburt meines dritten Kindes war es eine sehr spannende Phase, in der ich meine Arbeitsgruppe aufgebaut habe.
Karner: Da ist auch die Arbeitskultur sehr wichtig. Es wird hier nicht vorausgesetzt, dass wir am Wochenende arbeiten, und es ist in Ordnung, wenn ich früher gehe, weil die Kinderkrippe zusperrt.
Wie nehmt ihr das Thema Leaky Pipeline wahr? Also, dass Frauen an einem gewissen Punkt ihrer wissenschaftlichen Karriere sehr häufig die universitäre Forschung verlassen?
Schultze-Bernhardt: Der Frauenanteil war in meinem Studium bei ungefähr 20 Prozent – was ich damals überhaupt nicht in Frage gestellt habe. Aber irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich keine einzige Physik-Professorin gesehen habe. Vielleicht gab es sie, aber ich hatte keine einzige in meinen Vorlesungen. Während meiner Zeit in den USA habe ich das anders wahrgenommen. Es waren immer noch weniger Frauen als Männer, aber der Anteil war größer. Dass wir heute aber über dieses Thema reden, ist ein wichtiger Schritt und zeigt, dass sich etwas tut.
Karner: Die einzige Professorin, die ich während meines Studiums in Lehrveranstaltungen hatte, sitzt gerade neben mir. Es gibt also immer noch nicht besonders viele Frauen. Von 20 Doktoratsstudierenden bin ich derzeit die einzige Frau. Eine Kollegin hat im Herbst abgeschlossen, aber ist nun auch schwanger und ein Postdoc damit gerade kein Thema. Ich bin mir ja auch noch nicht sicher, ob ich bleiben werde, weil ich noch nicht weiß, wie ich meine Karriere mit der Familie vereinen kann.
Die Familiengründung ist also immer noch ein Hindernis?
Schultze-Bernhardt: Ja. Mich hat das damals auch sehr belastet. Ich bin mit einem Vertrag für zwei Jahre nach Kalifornien gegangen, dann mit einem Vertrag über ein Jahr zurück nach München und anschließend mit einer befristeten Junior-Professur nach Jena. Man hat keine Zukunftsperspektive und weiß nicht, was danach kommt. Bei mir ist alles super gelaufen und ich möchte die Erfahrungen auf keinen Fall missen. Ich würde nichts daran ändern. Aber zum damaligen Zeitpunkt habe ich sehr mit der wissenschaftlichen Qualifizierungsphase gehadert.
Ist es also eher ein Mindset-Thema und Frauen sollten sich einfach trauen?
Schultze-Bernhardt: Auf der einen Seite schon. Aber auf der anderen ist natürlich nicht wegzudiskutieren, dass Frauen durch diese Unsicherheit zusätzlich belastet sind. Als Experimentalphysikerin habe ich mir vielleicht während meiner Doktorarbeit eine gewisse Frustrationstoleranz aufgebaut (lacht). Ich habe damals gelernt, dass wenn etwas nicht klappt, es immer wichtig ist, einen Plan B zu haben. Es ist vielleicht beruhigend zu wissen, dass es eben nicht nur einen richtigen Weg für die Zukunft gibt.
Sind Vorbilder wichtig? Und habt ihr Vorbilder?
Karner: Gerade Frauen wie Marie Curie sind inspirierend. Sie hat als eine von überhaupt nur zwei Forschenden zwei Nobelpreise bekommen. Und das in einer Zeit, wo Frauen in der Wissenschaft noch eher skeptisch beäugt wurden. Ich habe aber auch an der Uni so viele inspirierende Leute kennengelernt, die fleißig und schlau sind. Das bewundere ich.
Schultze-Bernhardt: In der Wissenschaft nicht. Aber meine Großmutter war mein Vorbild. Sie konnte nicht einmal die Volksschule abschließen, weil sie im elterlichen Wirtshaus aushelfen musste. Aber sie hat es eigenständig sehr weit gebracht und irgendwann sogar ein Postamt geleitet. Sie war unglaublich stark, souverän und gelassen, und ich denke oft an sie, wenn ich diese Fähigkeiten gerade brauche. Sie war einfach super.Wie würdet ihr das wissenschaftliche System gestalten, wenn ihr es euch aussuchen könntet?
Schultze-Bernhardt: Gerade für junge Wissenschafterinnen wäre Hilfe während des Übergangs von kinderloser zu Karriere mit Kindern wichtig. Das ist ein großer Einschnitt. Vor allem wenn man mit einem kleinen Kind verreisen muss. Man muss sich erst daran gewöhnen, zwischen der Rolle als Wissenschafterin und Mutter zu wechseln. Und es ist wichtig, eine familienfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Ich hatte zum Glück nie ein Problem damit, wenn ich aus der Not heraus meine Kinder zu einem Meeting mitgenommen habe. Ganz im Gegenteil, es empfanden immer alle als eine schöne Abwechslung im Alltag.
Karner: Auch eine faire Bezahlung während der Postdoc-Phase wäre sehr wichtig. Wenn der Partner den Job kündigt und mit ins Ausland geht, dann wäre es toll, wenn man von dem Gehalt zumindest die Wohnung und das Leben finanzieren könnte. In Österreich geht das ganz gut, aber in anderen Ländern ist das kaum möglich.