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Per Segelboot: Die alternative Anreise ins Auslandssemester

07.07.2023 |

Von Hus

Über den Versuch, einen nachhaltigeren Weg ins Auslandssemester zu finden. Selbst, wenn ein Ozean dazwischen liegt.

Bildquelle: Alexander Lippert

Ein Semester an der University of Waterloo, Ontario, Kanada. Die Aufregung war groß, als ich am Weihnachtsabend die E-Mail bekam, für das Mobilitätsprogramm OverSEAs der TU Graz angenommen worden zu sein. Die Distanz allein fühlte sich monströs an – ich hatte Europa vorher noch nie verlassen –, ganz zu schweigen von dem Wissen, dass mein Leben gehörig umgekrempelt wird. Tonnen an Organisation und Bürokratie bahnten sich in den nächsten Monaten an, und doch nistet sich ganz allmählich ein Gedanke in meinem seglerisch vorbelasteten Hinterkopf ein: Man könnte die Gelegenheit doch nutzen, den Atlantik per Boot zu überqueren!

Ich darf vorstellen: Mahea: 10 Meter, 8 Tonnen, 4 Schlafplätze - mein zu Hause auf See. (Bildquelle: Daniel Schnizer)
 

Aber ist das realistisch?

Halbernste Recherchen zeigten: Ja das ist es! Zumindest für die, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind – und Zeit haben: Was im Flieger acht Stunden dauert, braucht auf See eher einen Monat, nur mit dem Wind als Antriebskraft. Man muss mit der Natur gehen: Der richtige Ort, das ist die Passatwind-Zone nördlich des Äquators, welche Segler*innen seit Jahrhunderten in die Karibik spült. Der englische Name “Trade Winds” ist eine Hommage an die einstige seglerische Bedeutung. Die richtige Zeit, das ist ganz klar außerhalb der Hurrikansaison, also zwischen November und März. Ein Glück, dass ich mich fürs Winter-Trimester beworben hatte, es startet im Jänner. Nach Wochen auf einschlägigen Foren und unzähligen Chats und Telefonaten kannte ich gefühlt die ganze Atlantik-Community und fand Mahea (www.maheasailing.com), ein 10-Meter Segelboot, dessen Eigentümer auf der Suche nach helfenden Händen über den „großen Teich“ war. Gesagt – getan. Zu viert an Bord (und mit einem bis zur Überfüllung verproviantierten Boot) stachen wir im November in See.

Vor allem bei Aufenthalten in Europa ist eine klimafreundliche Wahl für die Anreise zum neuen Gastland möglich. Die neue Erasmus+ Programmgeneration 2021 bis 2027 legt unter anderem einen besonderen Schwerpunkt auf nachhaltiges Reisen und ist damit im Einklang mit dem Motto der TU Graz "Stay grounded but keep connected". Outgoing Studierende im Erasmus+ Programm werden für die Anreise mit Zug oder Bus mit einer Prämie zusätzlich zu ihrem Erasmus+ Zuschuss belohnt. Weitere Informationen im Intranet TU4U auf der Seite „Erasmus+ Green Mobility“. 

Sonnenuntergang auf See. (Bildquelle: Daniel Schnizer)
 

Leben an Bord

Die Uhren ticken anders auf dem Ozean, nicht zuletzt ist es ein Monat ohne Internetverbindung. Unendliches Nichts. 5500 km genauer gesagt. Am Anfang ist man aufgeregt, alles ist neu, und man hat sehr viele To-Do-Listen. Aber nach einer Woche pendeln sich die Routinen ein. Zu jeder Zeit ist jemand wach um das Boot zu segeln – einen Hafen zum Ausruhen finden wir mitten am Atlantik nicht. Schlafen, kochen, Brot backen, seekrank sein, navigieren, Schiff reparieren, fischen, Wäsche waschen, Ukulele lernen, Karten spielen, träumen. All das findet ums Segeln herum statt, eine große Portion Gaude immer mit dabei. Pure Natur und jeden Abend ein Sternenhimmel, voller als man es sich vorstellen kann.

Alltag an Bord: Nur Handwäsche verfügbar, getrocknet wird an der Reling – alles unter Segel. (Bildquelle: Alexander Lippert)
 

Man hat den Luxus, sich für alles die Zeit zu nehmen, die es eben braucht. Ich lerne: Nach Jahren der Pandemie ist diese Reise auch mental nachhaltig. Keine Vorschriften von außen. Man trifft seine eigenen Entscheidungen und erfährt unmittelbar die Konsequenzen, wahrlich ein Gefühl von Freiheit! Manchmal muss es aber auch ganz schnell gehen: Etwa, wenn ein Sturm abzuwettern ist, oder man einen viel größeren Fisch gefangen hat als gedacht und sich fragt, wie man denn den jetzt an Bord hieven (geschweige denn so viele Kilo essen) soll. Jeden Tag warten neue Herausforderungen und man bleibt flexibel und lernt zu improvisieren.

Alltag an Bord: Der Fisch fürs Abendessen wird direkt an Deck filetiert. (Bildquelle: Daniel Schnizer)
 

Herausforderung eines nachhaltigen Auslandssemesters

Interesse an einem Austauschsemester? Die TU Graz bietet verschiedene Mobilitätsprogramme für einen Studienaufenthalt an einer ausländischen Universität an. Mehr Informationen zu den Mobilitätsprogrammen.

Zugegeben: Kanada hat es mir nicht leicht gemacht, nachhaltig zu leben. Zu anders die Lebensrealitäten der Nordamerikaner*innen, und zu groß die Distanzen in diesem riesigen, dünn besiedelten Land. Aber wenn man sucht, findet man seine Wege. Per Segelboot konnte ich die Flugstunden doch zumindest reduzieren, wenn schon nicht vermeiden, und besser ein paar Stunden geflogen für mehrere Monate Reise, als nur für ein Wochenende. Aus Versehen hatte ich auf diesem Weg auch eine Woche Zeit, um unseren Ankunftsort – die Karibik – zu erkunden. Außerdem war es selbst in Kanada möglich, meine nähere Umgebung per Bus und Bahn zu erkunden (wobei „näher“ im kanadischen Sinne durchaus acht Autostunden beinhaltet…), und diese war reich an Natur, Städten und Kulturen von überall auf der Welt. Das Reisefieber hat mich durchaus gepackt: Wenn ich schon mal weit weg bin von zu Hause, nutze ich die anschließenden Sommermonate, um noch ein Stück mehr unseres Globus’ zu erkunden. Danke OverSEAs!

Die TU Graz strebt an, bis 2030 klimaneutral zu werden. Auch wenn es bei Auslandsaufenthalten in Übersee schwierig ist, auf das Flugzeug zu verzichten, kann man während des Semesters das Gastland bzw. benachbarte Destinationen umweltschonend per Bus oder Bahn erkunden. Weitere Informationen zur klimaneutralen TU Graz.