Boulevard Olympique
Paris 2024
Die Stadt gestalten bedeutet heute, bestehende Fragmente in Ein-klang zu bringen, von denen einige dem Alltagsleben der Bewohner feindlich gegenüberstehen. Die Stadt gestalten bedeutet ebenso, große Infrastrukturen nutzbar zu machen und ein bewohnbares Umfeld zu schaffen. Die Stadt gestalten bedeutet letztlich, Infra-strukturen in Lebensräume zu verwandeln und öffentliche Räume zu schaffen, ohne die keine Urbanität zustande kommt. Autobahnen sind Objekte mit physischem wie auch politischem und sozialem Wert. Sie ermöglichen die Verbindung und gleich-zeitige Fragmentierung von Gebieten. Sie begünstigen gewisse Nutzungen und benachteiligen andere. Sie bieten Anreize oder Zwänge zu bestimmten Verkehrsmitteln und sind ein hervorragen-der Schalthebel um die Mobilität des 21. Jahrhunderts zu prägen. Die Stadtautobahn ist allerdings ein Oxymoron, da sich die zwei Wörter a priori widersprechen. Die Autobahn lädt uns ein zu langen Fahrten über weite Gebiete, während die Stadt von Nähe, Gebäudefassaden und Fußgängern erzählt.
Die Pariser Ringstraße ist der Inbegriff der Moderne, als sie in den 1970er Jahren errichtet wurde. Sie markiert den Gipfel der Trente Glorieuses und ist das Symbol einer Auto- und Konsumgesell-schaft, deren Grenzen wir erreicht haben. Der Périph wird mittler-weile gleichgesetzt mit Stau und seine Anrainer und Autofahrer leiden unter seinen Störfaktoren. Die Ringstraße Boulevard Périphérique mit einer Länge von 35 km ist ein seltenes Beispiel für einen Autobahnring im Zentrum einer Weltmetropole. Aufgrund ihrer Zugänglichkeit und hohen Kapazität zieht sie einen starken Verkehr an. Die Pariser Ringstraße ist mit 1,1 Millionen Autos pro Tag die meistbefahrene Autobahn Europas. Die von ihr verursachte Luftverschmutzung und Lärmbelästigung stellt ein großes Problem für die öffentliche Gesundheit dar. Diese Arbeit wirft einen neuen Blick auf die Ringstraße und Stadt-autobahnen im Allgemeinen und skizziert mögliche Umgestaltungs-maßnahmen. Hierbei müssen wir zuerst große Infrastrukturen in ihrer räumlichen Präsenz akzeptieren um sie anschließend in eine alltägliche Praxis zu integrieren. Die Artikulation des Gleichge-wichts zwischen Lebensraum und Verkehrsraum scheint die größte Herausforderung dieses Ansatzes zu sein.
Wenn die Stadt als Palimpsest verstanden werden kann, in dem die Machtstrukturen verankert sind, welche Bedeutung haben dann die Stadtgrenzen?05 Die Ringstraße überlagert sich mit der Verwal-tungsgrenze der Stadt Paris und stellt somit einen Sonderfall dar. Die Geschichte dieser Autobahn ist die einer Grenze, die bis heute das Bild der letzten Stadtmauer von Paris trägt. Die Ringstraße stellt eine klare Trennung zwischen einem Innen und einem Außen dar, mit einer hochgradig aufgeladenen Reprä-sentation einer sozialen Hierarchie. Diese Herrschaftsbeziehung zeigt deutlich die Organisation und Verräumlichung des Kapitalis-mus auf Metropolebene. Der Wille dieser Arbeit besteht nicht darin, diese Realität zu leugnen, sondern sich die Grenze als « Ort der Möglichkeiten » vorzustellen06. Die Ringstraße wird so zu einem hervorragenden Versuchslabor für eine neue großstädtische Zukunftsvision. Es geht darum, die Faszination des Automobils gegenüber der Infrastruktur zu überwinden, um sich eine freundlichere Variante vorzustellen, einen Teil der Stadt, in dem sich die Elemente, die auf den ersten Blick unvereinbar sind, gegenseitig ergänzen.
Die Abschaffung dieser Grenze ist Teil einer Debatte der Pariser Metropolregion zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Solidarität, Dynamik und Urbanität, Fortschritt und Naturbedürfnis. Heute scheint diese Straßeninfrastruktur ein Hindernis für die Ambitio-nen eines Grand Paris zu sein, das sich mittlerweile bewusst ist, dass seine Zukunft außerhalb der Stadtmauern von Paris liegt. Die-ser Maßstabswechsel erfordert die Überschreitung der Ringstraße sowie ihre städtische und metropolitane Einbindung. Die Ringstraße muss daher umgestaltet werden, um die symbo-lische Barriere zwischen Paris und seinen Vororten abzubauen. Ihr territoriales Gebiet erscheint unter diesem Gesichtspunkt als neues « verheißenes Land »07 einer Metropole, welche bestehende Grenzen überwindet um die Hauptstadt mit ihren Vororten zu ver-söhnen, das tägliche Leben ihrer Bewohner zu verbessern und ihre Position im Ranking der Weltstädte zu behaupten. Gegenwärtig versucht man, die Auswirkungen der Ringstraße zu mildern, indem Querverbindungen vervielfacht, die zulässige Ver-kehrsgeschwindigkeit verringert oder Grünraumüberbauungen errichtet werden, aber eine echte Vision, die den Ambitionen der Ville Lumière gerecht wird, fehlt in gravierender Weise.
Haussmann hat die Boulevards zum Zentrum der Hauptstadt ge-macht. Paul Delouvrier hatte versucht, mit den Villes Nouvelles
(dt. neuen Städten) neue Zentren in den Vororten zu schaffen. Der olympische Boulevard verfolgt ein Ziel mit vergleichbarem Ausmaß: das neue Zentrum der Metropole von Grand Paris zu werden. Untersuchungen zur Einfügung in den urbanen Kontext stellen die Möglichkeit in Frage, in die Ringstraße selbst einzugreifen und sie neu zu definieren oder anzupassen. Die städtische Einbindung der Ringstraße erfordert zwangsläufig, dass ihre bauliche Struktur komplexer wird und nicht mehr nur auf eine einzige Funktion hin ausgerichtet ist, nämlich der Fortbewegung von Autos. Der olympische Boulevard wird die physischen und symbolischen Belästigungen dieser Grenzlinie in einen großen urbanen Kata-lysator im Herzen der Metropole von Grand Paris verwandeln. Die ehemaligen Stadttore von Paris werden zu großen Plätzen von Grand Paris, die der Ringstraße ihre Bedeutung als metropolitanes Zentrum verleihen. Dieses Projekt zeigt somit, dass Infrastruktur-bauten, insbesondere Autobahnen und Schnellstraßen, zu großen öffentlichen Räumen von morgen mutieren können.
Die Umgestaltung der Ringstraße beinhaltet die Einschränkung des Autoverkehrs durch die Reservierung von Fahrspuren für öffent-liche Verkehrsmittel und Fahrgemeinschaften, durch großzügige Radwege sowie durch neue Grünflächen. Dies ermöglicht eine Beruhigung dieser Verkehrsachse und bessere Querverbindungen. Der olympische Boulevard wird somit zu einer multimodalen Infra-struktur. Heute fehlt der Sport weitestgehend im Bewusstsein der Metro-pole von Grand Paris. Die olympischen Spiele 2024 bieten eine ein-malige Gelegenheit, um eine neue Sportpolitik auf Metropolebene umzusetzen. Unter diesem Gesichtspunkt wird der olympische Boulevard eine große Freiluftsportanlage sein. Heute befinden sich fast 80% der Pariser Sportplätze in der Nähe dieser Infra-struktur. Der olympische Boulevard erschließt zudem den Großteil der Wettkampf- und Trainingsstätten der olympischen Spiele, eine Tatsache, die der neuen Namensgebung dieser Verkehrsachse ge-schuldet ist. Der olympische Boulevard zielt somit darauf ab, das ungeahnte Zukunftsfeld der Hybridisierung von Sport und Mobilität in der Stadt zu erproben.